
Josip Hrgovic ist deutschlandweit der einzige Fußballtrainer mit UEFA-Lizenz, der im Rollstuhl sitzt. Beim TSV Gräfelfing trainiert er Herrenmannschaften einer regionalen Liga in Bayern, ist sportlicher Leiter und Inklusionsbeauftragter. Unterstützt wird er dabei von einem Arbeitsassistenten.
Bei Auswärtsspielen des TSV Gräfelfing kommt es schon mal vor, dass jemand fragt: Wo ist eigentlich der Trainer? „Wenn ich dann sage, das bin ich, entschuldigen sich die Leute ganz erstaunt“, erzählt Josip Hrgovic amüsiert. Denn der 34-Jährige sitzt im Rollstuhl, und das schon seit seiner Kindheit. Genauso lange besteht seine Leidenschaft für den Fußball, die er irgendwann zum Beruf machte.
„Es heißt ja, dass man selbst gekickt haben muss, wenn man Fußballtrainer werden will“, sagt Hrgovic. Eine Erfahrung, die ihm aufgrund einer angeborenen Gelenksteife und dadurch bedingter Muskeldystrophie verwehrt blieb. Muskeldystrophien sind genetisch bedingte, progressive Muskelerkrankungen, die zu fortschreitendem Muskelschwund und -schwäche führen. Dennoch bemerkten seine Kumpels, dass Josip bereits als Jugendlicher einen anderen, „weiteren“ Blick hatte, wenn er ein Fußballspiel verfolgte. Ihm fielen Dinge auf, die den meisten entgingen. Ein Talent, das er beim TSV Neuried ab 2014 unter Beweis stellen durfte. Als blutiger Anfänger trainierte er neben dem BWL-Studium zunächst Neun- bis Zehnjährige der E-Jugend. Ein erfahrener Trainer im Verein erkannte seine Begabung, setzte ihn schon bald als Co-Trainer ein, bildete ihn aus und übergab ihm immer mehr Verantwortung. Gleichzeitig wechselte Hrgovic das Studienfach zum Sportmanagement. Ihm war klar geworden: „Im Fußball, da geht was!“
So sahen das auch die Verantwortlichen im Verein. Hrgovic erhielt eine hauptberufliche Vollzeitstelle, eine Besonderheit im Amateursport. Er erwarb B- und C-Trainerlizenzen, schloss sein Studium ab, wechselte nach achteinhalb Jahren zum TuS Geretsried, Ende 2025 dann zum TSV Gräfelfing. Trainierte Frauenmannschaften, Jugendliche und Herren, aktuell die U17 und U19. Eine rasante Karriere, ganz unabhängig von seiner Behinderung. Und auch wenn sein Umfeld betont, seine Behinderung gar nicht wahrzunehmen, so benötigt der Ausnahmetrainer doch Unterstützung, um seinen anspruchsvollen Job ausführen zu können.

© Rupert Oberhäuser
Bereits seit dem Studium hat Hrgovic daher eine sogenannte Arbeitsassistenz. Eine Leistung, die Evangelia Schaufler, Leiterin des ZBFS-Inklusionsamts, Regionalstelle Oberbayern, kurz zusammenfasst: „Sinn einer Arbeitsassistenz ist eine individuelle Unterstützung, um Nachteile im Berufsalltag auszugleichen, die durch die Behinderung entstehen.“ So übe der Beschäftigte mit Behinderung seine Kerntätigkeit selbst aus, während die Assistenzkraft beispielsweise Arbeitsmaterialien zureicht, etwa einen Ordner aus einem hohen Regal holt. Pflegerische Unterstützung wie beim Toilettengang, die über die Arbeit hinausgeht, wird zwar in der Regel auch von der Arbeitsassistenz übernommen, aber mit der Pflegekasse abgerechnet. „Den Erstattungsanspruch stellen wir direkt an die anderen Leistungsträger“, sagt Schaufler, deren Amt für Hrgovic zuständig ist. Dass alle Abläufe – praktisch und finanziell – so unbürokratisch wie möglich und aus einer Hand abgewickelt würden, sei dem ZBFS-Inklusionsamt besonders wichtig.
Auch im konkreten Fall gab die Behörde nach einer Überprüfung schnell grünes Licht für den Arbeitsassistenten. Eine geeignete Person hatte Hrgovic in seinem ehemaligen Co-Trainer beim TSV Neuried bereits gefunden, mit dem ihn ein enges Vertrauensverhältnis verbindet. Offiziell ist der Assistent nun bei einem anerkannten Verein für Offene Behindertenarbeit (OBA) sozialversicherungspflichtig angestellt, an den Hrgovic das Gehalt überweist. Die Erstattung erhält er vom ZBFS-Inklusionsamt. Dabei handelt es sich um das sogenannte Dienstleistungsmodell.

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Der Arbeitsassistent begleitet den Trainer seitdem durch seine 35-Stunden-Arbeitswoche. „Er hilft bei allem, was anfällt“, sagt Hrgovic. Berührungsängste kennen die beiden nicht. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe“, ist Hrgovic wichtig zu betonen. Er sehe in seinem Assistenten keinen „Roboter“, wie er sagt, sondern tausche sich mit ihm aus, immerhin sei er auch vom Fach und könne aktiv Ideen beitragen. Das ist zwar eigentlich per Definition nicht Aufgabe der Assistenz, aber stärkt natürlich das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Assistenz und Assistiertem.
Schließlich beginnt Hrgovics Arbeit am PC bereits einige Stunden vor der täglichen Trainingsvorbereitung um 17:30 Uhr. Als sportlicher Leiter für die gesamte Fußballjugend organisiert er Trainingslager, Fortbildung und Trainerbesetzung, ist für Materialbestellung und Inventur verantwortlich, setzt sich für Inklusion im Verein ein. Und nicht zuletzt nimmt Hrgovic die menschliche Seite seines Jobs sehr ernst. Konsequent sucht er das Gespräch mit seinen Spielern.
Stehen am Wochenende Turniere an, kommt er oft auf eine Siebentagewoche und wird dann von seinem Assistenten im Auto mit Rollstuhlanhänger gefahren. Für den Weg zum Arbeitsplatz nutzt er aber den Linienbus oder legt gewisse Strecken auch mit dem Elektrorollstuhl zurück. Klingt stressig? Nicht für Hrgovic: „Meine Arbeit fühlt sich nicht wie Arbeit an. Mein Beruf ist mein Hobby.“
Diskriminierung erfährt der junge Mann, der als Baby mit seinen kroatischen Eltern vor dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland floh, nur noch selten. Zwar gehe es im Herrenfußball verbal öfter mal etwas rauer zu, wie er einräumt, aber verletzende Äußerungen etwa von gegnerischen Mannschaften prallten mittlerweile an ihm ab. Er konzentriert sich lieber auf seine weiteren Ziele, denn an Ambitionen fehlt es ihm nicht. Seit Kurzem besitzt er als erster Rollstuhlfahrer die UEFA-Trainerlizenz B+ und könnte sich perspektivisch die Arbeit in einem Nachwuchs-Leistungszentrum eines Profivereins vorstellen. Zurzeit fühle er sich aber richtig wohl in seinem Job. Sein Rat an junge Menschen mit Behinderung? „Egal ob im Sport oder anderswo, macht einfach euer Ding!“
Dem stimmt auch Evangelia Schaufler zu. „Menschen mit Behinderung wissen selbst am besten, wo ihre Stärken liegen“, sagt die Amtsleiterin und empfiehlt, den Fokus früh auf die individuellen Fähigkeiten zu richten und gemeinsam Lösungen zu finden – auch wenn eine Beeinträchtigung im Laufe des Berufslebens etwa durch einen Unfall oder eine Krankheit entstehe. Ein ungewöhnliches Berufsfeld wie bei Josip Hrgovic sei dabei kein Hindernis, sondern ein Innovationsfeld, eine positive Herausforderung, betont sie. „Mich macht es immer wieder glücklich, wenn wir Menschen helfen können, ihren Platz in der Arbeitswelt zu finden!“
Der TSV Gräfelfing hat sich Barrierefreiheit auf die Fahne geschrieben. Sowohl das Gelände und das Sportangebot als auch das Webangebot sind nach Kriterien der Barrierefreiheit gestaltet. Mehr Infos gibt es auf der Website.
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Für die Organisation einer Arbeitsassistenz stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl:
Arbeitgebermodell: Der Beschäftigte mit Schwerbehinderung stellt die Arbeitsassistenzkraft selbst an und ist somit ihr Arbeitgeber. Dazu schließt er mit ihr einen Arbeitsvertrag ab und zahlt ihr Gehalt. Diese Ausgaben erhält er von den Integrations- und Inklusionsämtern zurückerstattet.
Dienstleistungsmodell: Der Beschäftigte mit Schwerbehinderung beauftragt einen spezialisierten Anbieter (Pflegedienst oder Assistenzdienst). Der Dienstleister übernimmt alle Arbeitgeberpflichten, stellt die Assistenzkräfte und kümmert sich um Einsatzplanung und Abrechnung. Die Integrations- und Inklusionsämter prüfen die Rechnungen und erstatten dem Dienstleister den Betrag. Sie dürfen jedoch keine Empfehlungen aussprechen. Infos über geeignete Anbieter gibt es zum Beispiel bei den Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) oder den Integrationsfachdiensten (IFD).
Dirk „Zimbo“ Zimmermann ist Rekordnationalspieler der Deutschen Gehörlosen-Fußball-Nationalmannschaft. Im Anschluss an seine aktive Spielerkarriere durchlief er mehrere Stationen als Trainer von gehörlosen und hörenden Torhütern und ist heute Torwartscout bei Fortuna Düsseldorf. Unterstützt wird er dabei vom LVR Inklusionsamt. Darüber berichtet er in einem kurzen Beitrag auf Instagram.
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