Mehrere Fußballspieler mit einem amputierten Bein laufen auf Krücken über den Fußballplatz.
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10.06.2026 Lesedauer: 4 min.

„Leidenschaft ist nicht amputierbar“

Christian Heintz, Geschäftsführer des deutschen Amputierten-Fußball Dachverbandes DAFL gGmbH, ist überzeugt: Sein Sport trägt auch zur Inklusion bei. Zurzeit bereitet sich der Stürmer mit der Nationalmannschaft auf die WM vor.

„Der Amputierten-Fußball hat mir sehr geholfen, ins Leben zurückzufinden“, erinnert sich Christian Heintz, leidenschaftlicher Kicker seit seinem vierten Lebensjahr. Als er bei einem Autounfall 2010 ein Bein verlor, brach für ihn die Welt zusammen. Ein Flyer im Krankenhaus von einem Amputierten-Fußballteam war sein Lichtblick. Heute ist Heintz ehrenamtlicher Geschäftsführer des deutschen Amputierten-Fußball Dachverbandes DAFL gGmbH, den er 2024 mit aus der Taufe hob. Ein Amt, das der 42-Jährige neben seiner Arbeit in der Marke­ting­abteilung eines gemeinnützigen Vereins mit Herzblut ausfüllt. 

Beim Amputierten-Fußball sind alle willkommen

Die Teams beim Amputierten-Fußball bestehen aus sieben Spielern. Voraussetzung für Feldspieler ist eine Beinamputation oder -verkürzung. Gespielt wird ohne Prothesen auf Gehhilfen. Für den Torwart hingegen gilt, dass beide Beine vorhanden sind, er jedoch eine Armamputation oder -verkürzung haben muss. Auch er darf die Prothese während des Spiels nicht tragen. Ansonsten gilt: „Alle sind willkommen, egal, ob männlich oder weiblich, ob mit oder ohne Erfahrung“, ermuntert Heintz, selbst als Stürmer bei Mainz 05 auf dem Feld, mögliche Interessenten. „Es braucht keine zwei Beine, um Fußball spielen zu können!“ Tatsächlich haben etwa die Hälfte der Amputierten-Fußballer die Sportart vorher nie ausgeübt. Beim Frauenanteil sieht Heintz Luft nach oben: Mit Nicola Roos hat sich bisher nur eine Spielerin gefunden. 

Viele Spieler sagen, dass ihnen der Amputierten-Fußball geholfen hat, ihre Lebensqualität wiederzufinden.

Christian Heintz, Geschäftsführer DAFL gGmbH

Botschafter für den deutschen Amputierten-Fußball

Von 2019 bis 2024 war Heintz hauptberuflich als Botschafter des deutschen Amputierten-Fußballs unterwegs. Im Rahmen des geförderten Modellprojekts „Amputierten-Fußball im Verein“ leistete er landauf, landab grundlegende Aufbauarbeit: sprach mit Pressevertretern und in Fernsehinterviews, besuchte Sanitätsfachhäuser und Kliniken, versuchte, neue Spieler und Sponsoren zu begeistern. Mit bisher vier großen Bundesligavereinen baute er Amputierten-Fußball-Mannschaften auf, ist mit weiteren aktuell im Gespräch und agiert darüber hinaus proaktiv: Melden sich beispielsweise nach einem Zeitungsartikel oder einem Besuch im Krankenhaus vier bis sechs Amputierte aus einer Region, spricht der DAFL gezielt Sportvereine im Umkreis an. 

Ein Stürmer auf Krücken versucht noch mit de Fuß den Ball zu erreichen, während von der anderen Seite ein Torhüter mit nur einem Arm ebenfalls versucht den Ball mit dem Fuß wegzuspielen.
Amputierten-Fußball: Stürmer und Torwart im Kampf um den Ball.

Im Fokus: Aufnahme ins paralympische Programm

Neben der Suche nach Spielern und Vereinen verfolgt Heintz nach Ablauf des Modellprojekts seit 2024 als ehrenamtlicher Botschafter des Amputierten-Fußballs insbesondere ein Ziel: die Aufnahme ins paralympische Programm. Zum Stand der Verhandlungen des Weltverbandes äußert er sich zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass es 2032 realistisch wird.“ Damit würden dem Amputierten-Fußball öffentliche Fördermittel zustehen, was der Organisation ganz neue Spielräume eröffnen könnte. 

Vorbereitung auf die WM

Denn finanziell und strukturell ist der Amputierten-Fußball nicht mit dem Profisport zu vergleichen. Ein Beispiel: Seit die deutsche Amputierten-Fußball-Nationalmannschaft 2014 in Mexiko erstmals an einer WM teilnahm, steht das Großereignis alle vier Jahre auf dem Programm, dieses Jahr geht es nach San Juan de los Lagos in Mexico. Darauf bereiten sich die Spieler, die ihren Sport alle nebenberuflich in ihrer Freizeit ausüben, an sechs bis sieben Wochenenden im Trainingslager vor. Die Anreise zu den Trainingslehrgängen zahlen sie aus eigener Tasche. „Mit den Sponsorengeldern können wir höchstens die Bundesliga und einen Livestream von der Bundesliga organisieren“, erläutert Heintz. „Wir bezeichnen uns deshalb gerne als Entwicklungsland im Amputierten-Fußball.“ 

WM in Mexiko

Vom 13. bis 22. November 2026 findet in San Juan de los Lagos die WM des Amputierten-Fußballs statt. Alle vier Jahre messen sich bei dem internationalen Turnier 24 Teams aus fünf Kontinenten. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit einem Team von insgesamt zwölf Feldspielern, drei Torhütern, fünf Trainern, Betreuern und Physiotherapeuten dabei.

Mehr Infos zur WM in Mexiko
  • Zwei Amputierten-Fußballer umarmen sich auf dem Feld. Weitere Spieler von beiden Mannschaften stehen drumherum.
    Nach dem Abpfiff: Zwei Amputierten-Fußballer umarmen sich auf dem Feld.
  • Porträtbild von Christian Heintz im Trikot des Vereins Mainz 05.
    Christian Heintz ist Geschäftsführer des deutschen Amputierten-Fußball Dachverbandes DAFL gGmbH.
  • Ein Amputierten-Fußballmannschaft sitzt am Rand des Sportplatz, die Arme haben sie sich gegenseitig um die Schultern gelegt. Rechts steht ein Spieler mit einem Megaphone und hält eine Ansprache.
    Motivation: Die Mannschaft hört der emotionalen Ansprache ihres Mitspielers zu.

Inklusion und Lebensqualität

Doch natürlich hat der Sport mehr zu bieten als internationale Turniere. Er stärkt körperliche und mentale Gesundheit, steht aber auch für Lebensqualität und Inklusion, fördert Ehrgeiz und Teamfähigkeit. Eigenschaften, die auch im Arbeitsleben wertvoll sind. Stolz berichtet Heintz von Spielern, die mit zehn oder elf Jahren verunsichert zum Amputierten-Fußball kamen und sich im Laufe der Zeit zu selbstbewussten jungen Männern entwickelten. „Auch das ist es, was mich antreibt“, sagt der Vater eines siebenjährigen – wie sollte es anders sein – „fußballverrückten“ Sohnes.

Wunschtraum Achtelfinale

Zurzeit träumt das Team von einer Wiederholung des Erfolgs der WM 2014 in Mexiko, wo die deutsche Mannschaft das Achtelfinale erreichte. „Eine tolle Erfahrung“, schwärmt Heintz, der damals erstmals an einer Weltmeisterschaft teilnahm. Doch gleich wie es ausgeht – was wirklich zähle, sei die Begeisterung: „Leidenschaft ist nicht amputierbar.“ 

Deutscher Amputierten-Fußball

Bereits Mitte der 90er-Jahre entstanden erste Amputierten-Fußball-Mannschaften. 2015 ging der erste eingetragene Verein an den Start. Seit April 2024 kümmert sich die DAFL gGmbH als offizieller Dachverband für den deutschen Amputierten-Fußball unter anderem um die Organisation von Nationalmannschaft und Bundesliga und will die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit vorantreiben. Aktuelle Mitgliedervereine sind Anpfiff Hoffenheim, Fortuna Düsseldorf, der Hamburger Sport-Verein und der 1. FSV Mainz 05. Mit weiteren Vereinen werden Gespräche geführt.

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