Eine Fußballmannschaft steht im Kreis und hat die Arme gegenseitig um die Schultern gelegt. Im Hintergrund ist der Kölner Dom zu sehen.
© Carsten Kobow
10.06.2026 Lesedauer: 4 min.

Berufliche Orientierung durch sportliche Förderung

Im Fußballzentrum Frechen geht es um mehr als Tore und Tabellen. Hier wird Fußball zum Werkzeug für Teilhabe, Selbstvertrauen und berufliche Perspektiven. Menschen mit Behinderung arbeiten als Sportler und lernen Verantwortung, Teamgeist und Fairness.

Hier ist der Fußball Beruf. Trainiert wird werktags am Geißbockheim des 1. FC Köln. Zwischen Rasenplätzen, Umkleiden und Trainingsräumen begegnen sich junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Der Sport bildet dabei den gemeinsamen Nenner, die Sprache, die alle verstehen. 

Das Zentrum für Arbeit durch Bildung und Sport (ZABS) mit seinem Frechener Fußballzentrum macht das möglich. Fußball wird hier nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Mittel für mehr Selbstvertrauen und als Sprungbrett in den allgemeinen Arbeitsmarkt. „Wir sehen uns ganz klar als eine Beschäftigungsform – als berufliche Förderung“, sagt Ole Schneider, Leiter des Fußballzentrums, der die Maßnahme seit drei Jahren verantwortet.

Der Unterschied zu anderen Werkstattarbeitsplätzen ist: Hier wird nicht klassisch handwerklich gearbeitet, sondern Sport getrieben – und dieser als Arbeit verstanden

Ole Schneider, Leiter des Fußballzentrums

Das Zentrum und die damit verbundene Maßnahme wurden 2013 ins Leben gerufen: als strukturierte Außen­arbeits­plätze der Gemein­nützigen Werk­stätten Köln (GWK). „Der Unterschied zu anderen Werkstattarbeitsplätzen ist: Hier wird nicht klassisch handwerklich gearbeitet, sondern Sport getrieben – und dieser als Arbeit ver­stan­den“, erklärt Schneider. 2019 kam der Judobereich hinzu, zugleich wurde aus dem ehemaligen Fußballleistungszentrum das „Zentrum für Arbeit durch Bildung und Sport“. Der bewusste Abschied vom Leistungsbegriff sollte auch die inhaltlich-pädagogische Ausrichtung spiegeln: Es geht weniger um Ergebnisse als um (berufliche) Orientierung und individuelle En­twicklung. Die letzte konzeptio­nelle Veränderung erfolgte 2023: Das ZABS ist seitdem innerhalb des Arbeitsbereichs als „Anderer Leistungs­anbieter“ anerkannt und hat damit den Status einer Werkstatt. Der Berufs­bildungs­bereich - damit sind die ersten 27 Monate der Beschäfti­gung gemeint - ist jedoch auch weiter­hin in Ko­opera­tion mit der GWK organisiert. 

Vor einem Tor rennt ein Fußballer in grünschwarzem Trikot rennt auf einen Ball zu. Der Torwart steht bereit und ein Verteidiger läuft auf den Ball zu.
Im Fußballzentrum sind 15 junge Männer als Fußballer beschäftigt. Das Zentrum hat den Status einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Kompetenzen statt Grenzen

Heute sind im Fußballzentrum 15 junge Männer als Fußballer beschäftigt. Sie alle haben eine kognitive Beeinträchtigung, bringen aber eine ausgeprägte sportliche Motivation und vergleichsweise hohe körperliche Fitness mit. „Das, was sie eint, ist die Leidenschaft für den Sport“, sagt Schneider. Diese Leidenschaft bildet die Grundlage für einen strukturierten Alltag, der dem eines regulären Arbeitsplatzes ähnelt. Trainiert wird werktags am Vormittag, ergänzt durch Bildungsangebote im eigenen Haus am Nachmittag. Dort geht es um politische und gesellschaftliche Themen, um Lesen, Schreiben und Rechnen – aber auch um ganz praktische Fragen: Wie bewerbe ich mich? Wie trete ich selbstbewusst auf? Was erwarten Arbeitgeber?

Ein besonderer Stellenwert kommt der individuellen Förderung zu. Zwar gibt es feste Strukturen, doch die Entwicklung verläuft personenzentriert. „Die Teilnehmenden sind so unterschiedlich in ihren Entwicklungsschritten, dass wir genau schauen, wo jemand steht und was der nächste realistische Schritt ist“, erläutert Ole Schneider. Ziel ist es, Menschen nicht zu überfordern, sie aber konsequent in Richtung Selbstständigkeit zu begleiten. Das Ziel einer Werkstatt sollte sein, so Schneider, Menschen so zu fördern, dass sie dem allgemeinen Arbeitsmarkt näherkämen – auch wenn es manchmal nur kleine Schritte seien. 

Diese Schritte führen für einige bereits hinaus aus dem Fußballzentrum. Aktuell arbeiten fünf Teilnehmende auf sogenannten betriebsintegrierten Außen­arbeits­plätzen. Sie sind weiterhin im Fuß­ball­zentrum angestellt, sammeln aber parallel Er­fahrungen in Unter­nehmen des allgemeinen Arbeits­marktes – unter anderem beim 1. FC Köln, bei Decathlon oder in der Toyota Akademie. „Das gibt ihnen die Mög­lich­keit, sich auszu­pro­bieren, ohne den sicheren Rahmen zu verlieren“, erklärt Schneider das Konstrukt. Konflikte, Überforderung oder Rückschläge werden aufgefangen, reflektiert und päda­go­gisch begleitet. So entsteht im Idealfall ein geschützter Über­gang zwischen zwei Arbeits­welten.

Stärken statt Defizite

Der Ansatz des Fußballzentrums setzt bewusst auf einen Perspektivwechsel. Statt Defizite in den Vordergrund zu stellen, werden vorhandene Stärken genutzt und weiterentwickelt. Fußball dient als Motivator, als Türöffner und als stabiler Rahmen. 

Das Projekt versteht sich als Arbeitgeber, nicht als Vereinsmannschaft. Gespielt, trainiert und gelernt wird von Montag bis Freitag, am Wochenende haben die Beschäftigten frei. Zwar nimmt das Zentrum gelegentlich an Turnieren und Veranstaltungen teil, doch der Wettkampf steht nicht im Mittelpunkt. „Wir wollen uns nicht an Tabellen oder Ergebnissen messen lassen, sondern an der individuellen Entwicklung“, betont Schneider. Erfolg und Misserfolg gehören dennoch dazu – als Lernerfahrung, nicht als Maßstab.

Selbstständig statt abhängig

Der Erfolg des Ansatzes zeigt sich weniger in Statistiken als in Lebenswegen. Junge Menschen finden Selbstvertrauen, Orientierung und gesellschaftliche Anerkennung. Gleichzeitig verändert sich der Blick der Umwelt. Arbeitgeber, Trainer und Ko­ope­rations­partner erleben Inklusion nicht als abstraktes Konzept, sondern als funktio­nierenden Alltag. Der Fußball bildet die Grund­lage für Bildung und Vermittlung der Beschäftigten – ein eher ungewöhn­licher Ansatz in der Werkstatt­landschaft, aber ein wirk­sames Mittel, um dem gesetz­lichen Auftrag der Werk­statt gerecht zu werden, Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu begleiten.

Besonders eng ist auch die Zusammenarbeit mit dem 1. FC Köln: Trainiert wird regelmäßig auf dem Vereins­gelände, die Teil­nehmen­den erhalten Aus­stattung, und immer wieder ergeben sich Mög­lich­keiten zur beruflichen Erprobung – etwa im Greenkeeping oder im Zeugwartbereich. „Ohne die Gold-Kraemer-Stiftung gäbe es dieses Projekt nicht“, sagt der Leiter. „Und ohne starke Partner wie den 1. FC Köln wäre vieles nicht möglich.“

Das Fußballzentrum Frechen verbindet Sport und Arbeitswelt, Förderung und Forderung. Vor allem aber zeigt es, dass der Weg in den (allgemeinen) Arbeits­markt viele Einstiegs­tore haben kann. Manchmal beginnt er nicht mit einem Bewerbungs­gespräch – sondern mit einem Pass über den Rasen, einem gemeinsamen Training und einem Tor.

Zur Person

Porträtbild von Ole Schneider

Ole Schneider leitet das ZABS. Sein Weg dorthin führte über ein Sport­wissen­schafts­studium und ein Master­studium im Management. Derzeit erwirbt er eine päda­go­gische Zusatzqualifikation.

Das Fußballzentrum

Das Fußballzentrum Frechen ist Teil des „Zentrums für Arbeit durch Bildung und Sport“ (ZABS) der Gold-Kraemer-Stiftung. Im Projekt werden, in Kooperation mit dem LVR, den Gemeinnützigen Werkstätten in Köln und der Bundesagentur für Arbeit, junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung über Fußball systematisch in Richtung des allgemeinen Arbeitsmarktes begleitet: Fünf Tage pro Woche trainieren sie fußball- und alltagsbezogene Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Das Zentrum bietet berufliche Orientierung, Qualifizierung und Praktika in realen Betrieben – sowie die Chance, mit diesen Erfahrungen den Sprung in eine reguläre Beschäftigung zu schaffen.
Das ZABS hat außerdem noch einen Judobereich. Hier trainieren weibliche und männliche Judoka zusammen.

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Stiftungen unterstützen

Die Gold-Kraemer-Stiftung

Die Gold-Kraemer-Stiftung arbeitet seit über 50 Jahren für die Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Sie wurde 1972 von Paul R. und Katharina Kraemer gegründet und zählt zu den größten sozial-karitativen Stiftungen privater Initiative in Deutschland. Als operative Stiftung engagiert sie sich mit ihren über 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Sport, Kunst und Forschung. Das bundesweit ausgerichtete Engagement umfasst beispielsweise Wohnangebote und inklusive Sport- und Arbeitsprojekte wie das Fußballzentrum mit dem Ziel langfristige Perspektiven für und mit Menschen mit Unterstützungsbedarf zu schaffen.

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