
Im Fußballzentrum Frechen geht es um mehr als Tore und Tabellen. Hier wird Fußball zum Werkzeug für Teilhabe, Selbstvertrauen und berufliche Perspektiven. Menschen mit Behinderung arbeiten als Sportler und lernen Verantwortung, Teamgeist und Fairness.
Hier ist der Fußball Beruf. Trainiert wird werktags am Geißbockheim des 1. FC Köln. Zwischen Rasenplätzen, Umkleiden und Trainingsräumen begegnen sich junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Der Sport bildet dabei den gemeinsamen Nenner, die Sprache, die alle verstehen.
Das Zentrum für Arbeit durch Bildung und Sport (ZABS) mit seinem Frechener Fußballzentrum macht das möglich. Fußball wird hier nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Mittel für mehr Selbstvertrauen und als Sprungbrett in den allgemeinen Arbeitsmarkt. „Wir sehen uns ganz klar als eine Beschäftigungsform – als berufliche Förderung“, sagt Ole Schneider, Leiter des Fußballzentrums, der die Maßnahme seit drei Jahren verantwortet.
Der Unterschied zu anderen Werkstattarbeitsplätzen ist: Hier wird nicht klassisch handwerklich gearbeitet, sondern Sport getrieben – und dieser als Arbeit verstanden
Ole Schneider, Leiter des Fußballzentrums
Das Zentrum und die damit verbundene Maßnahme wurden 2013 ins Leben gerufen: als strukturierte Außenarbeitsplätze der Gemeinnützigen Werkstätten Köln (GWK). „Der Unterschied zu anderen Werkstattarbeitsplätzen ist: Hier wird nicht klassisch handwerklich gearbeitet, sondern Sport getrieben – und dieser als Arbeit verstanden“, erklärt Schneider. 2019 kam der Judobereich hinzu, zugleich wurde aus dem ehemaligen Fußballleistungszentrum das „Zentrum für Arbeit durch Bildung und Sport“. Der bewusste Abschied vom Leistungsbegriff sollte auch die inhaltlich-pädagogische Ausrichtung spiegeln: Es geht weniger um Ergebnisse als um (berufliche) Orientierung und individuelle Entwicklung. Die letzte konzeptionelle Veränderung erfolgte 2023: Das ZABS ist seitdem innerhalb des Arbeitsbereichs als „Anderer Leistungsanbieter“ anerkannt und hat damit den Status einer Werkstatt. Der Berufsbildungsbereich - damit sind die ersten 27 Monate der Beschäftigung gemeint - ist jedoch auch weiterhin in Kooperation mit der GWK organisiert.

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Heute sind im Fußballzentrum 15 junge Männer als Fußballer beschäftigt. Sie alle haben eine kognitive Beeinträchtigung, bringen aber eine ausgeprägte sportliche Motivation und vergleichsweise hohe körperliche Fitness mit. „Das, was sie eint, ist die Leidenschaft für den Sport“, sagt Schneider. Diese Leidenschaft bildet die Grundlage für einen strukturierten Alltag, der dem eines regulären Arbeitsplatzes ähnelt. Trainiert wird werktags am Vormittag, ergänzt durch Bildungsangebote im eigenen Haus am Nachmittag. Dort geht es um politische und gesellschaftliche Themen, um Lesen, Schreiben und Rechnen – aber auch um ganz praktische Fragen: Wie bewerbe ich mich? Wie trete ich selbstbewusst auf? Was erwarten Arbeitgeber?
Ein besonderer Stellenwert kommt der individuellen Förderung zu. Zwar gibt es feste Strukturen, doch die Entwicklung verläuft personenzentriert. „Die Teilnehmenden sind so unterschiedlich in ihren Entwicklungsschritten, dass wir genau schauen, wo jemand steht und was der nächste realistische Schritt ist“, erläutert Ole Schneider. Ziel ist es, Menschen nicht zu überfordern, sie aber konsequent in Richtung Selbstständigkeit zu begleiten. Das Ziel einer Werkstatt sollte sein, so Schneider, Menschen so zu fördern, dass sie dem allgemeinen Arbeitsmarkt näherkämen – auch wenn es manchmal nur kleine Schritte seien.
Diese Schritte führen für einige bereits hinaus aus dem Fußballzentrum. Aktuell arbeiten fünf Teilnehmende auf sogenannten betriebsintegrierten Außenarbeitsplätzen. Sie sind weiterhin im Fußballzentrum angestellt, sammeln aber parallel Erfahrungen in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes – unter anderem beim 1. FC Köln, bei Decathlon oder in der Toyota Akademie. „Das gibt ihnen die Möglichkeit, sich auszuprobieren, ohne den sicheren Rahmen zu verlieren“, erklärt Schneider das Konstrukt. Konflikte, Überforderung oder Rückschläge werden aufgefangen, reflektiert und pädagogisch begleitet. So entsteht im Idealfall ein geschützter Übergang zwischen zwei Arbeitswelten.

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Der Ansatz des Fußballzentrums setzt bewusst auf einen Perspektivwechsel. Statt Defizite in den Vordergrund zu stellen, werden vorhandene Stärken genutzt und weiterentwickelt. Fußball dient als Motivator, als Türöffner und als stabiler Rahmen.
Das Projekt versteht sich als Arbeitgeber, nicht als Vereinsmannschaft. Gespielt, trainiert und gelernt wird von Montag bis Freitag, am Wochenende haben die Beschäftigten frei. Zwar nimmt das Zentrum gelegentlich an Turnieren und Veranstaltungen teil, doch der Wettkampf steht nicht im Mittelpunkt. „Wir wollen uns nicht an Tabellen oder Ergebnissen messen lassen, sondern an der individuellen Entwicklung“, betont Schneider. Erfolg und Misserfolg gehören dennoch dazu – als Lernerfahrung, nicht als Maßstab.
Der Erfolg des Ansatzes zeigt sich weniger in Statistiken als in Lebenswegen. Junge Menschen finden Selbstvertrauen, Orientierung und gesellschaftliche Anerkennung. Gleichzeitig verändert sich der Blick der Umwelt. Arbeitgeber, Trainer und Kooperationspartner erleben Inklusion nicht als abstraktes Konzept, sondern als funktionierenden Alltag. Der Fußball bildet die Grundlage für Bildung und Vermittlung der Beschäftigten – ein eher ungewöhnlicher Ansatz in der Werkstattlandschaft, aber ein wirksames Mittel, um dem gesetzlichen Auftrag der Werkstatt gerecht zu werden, Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu begleiten.
Besonders eng ist auch die Zusammenarbeit mit dem 1. FC Köln: Trainiert wird regelmäßig auf dem Vereinsgelände, die Teilnehmenden erhalten Ausstattung, und immer wieder ergeben sich Möglichkeiten zur beruflichen Erprobung – etwa im Greenkeeping oder im Zeugwartbereich. „Ohne die Gold-Kraemer-Stiftung gäbe es dieses Projekt nicht“, sagt der Leiter. „Und ohne starke Partner wie den 1. FC Köln wäre vieles nicht möglich.“
Das Fußballzentrum Frechen verbindet Sport und Arbeitswelt, Förderung und Forderung. Vor allem aber zeigt es, dass der Weg in den (allgemeinen) Arbeitsmarkt viele Einstiegstore haben kann. Manchmal beginnt er nicht mit einem Bewerbungsgespräch – sondern mit einem Pass über den Rasen, einem gemeinsamen Training und einem Tor.

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Ole Schneider leitet das ZABS. Sein Weg dorthin führte über ein Sportwissenschaftsstudium und ein Masterstudium im Management. Derzeit erwirbt er eine pädagogische Zusatzqualifikation.
Das Fußballzentrum Frechen ist Teil des „Zentrums für Arbeit durch Bildung und Sport“ (ZABS) der Gold-Kraemer-Stiftung. Im Projekt werden, in Kooperation mit dem LVR, den Gemeinnützigen Werkstätten in Köln und der Bundesagentur für Arbeit, junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung über Fußball systematisch in Richtung des allgemeinen Arbeitsmarktes begleitet: Fünf Tage pro Woche trainieren sie fußball- und alltagsbezogene Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Das Zentrum bietet berufliche Orientierung, Qualifizierung und Praktika in realen Betrieben – sowie die Chance, mit diesen Erfahrungen den Sprung in eine reguläre Beschäftigung zu schaffen.
Das ZABS hat außerdem noch einen Judobereich. Hier trainieren weibliche und männliche Judoka zusammen.
Die Gold-Kraemer-Stiftung arbeitet seit über 50 Jahren für die Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Sie wurde 1972 von Paul R. und Katharina Kraemer gegründet und zählt zu den größten sozial-karitativen Stiftungen privater Initiative in Deutschland. Als operative Stiftung engagiert sie sich mit ihren über 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Sport, Kunst und Forschung. Das bundesweit ausgerichtete Engagement umfasst beispielsweise Wohnangebote und inklusive Sport- und Arbeitsprojekte wie das Fußballzentrum mit dem Ziel langfristige Perspektiven für und mit Menschen mit Unterstützungsbedarf zu schaffen.