Anamnese der MTU mit einer Patientin
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05.09.2023 Lesedauer: 2 min.

Von der Behinderung zur Berufung

Blinde und sehbehinderte Menschen haben das richtige Fingerspitzengefühl, das auch schon mal Leben retten kann. Sie ertasten kleinste Gewebeveränderungen in der weiblichen Brust und unterstützen Gynäkologinnen so bei der Früherkennung von Brustkrebs.

Jennifer Mai ist gut gelaunt. „Die Dankbarkeit meiner Patientinnen entschädigt für Vieles - das ist schon ein tolles Gefühl”, sagt die 32-Jährige, die seit ihrer Geburt blind ist. Mai arbeitet als so genannte Medizinisch-Taktile Untersucherin, kurz: MTU in Frauenarztpraxen. Das heißt: Die junge Frau kann mit ihren Händen kleinste Gewebeveränderungen und damit auch Tumore in der weiblichen Brust ertasten. Die Taktilographie ist neben dem jährlichen Abtasten beim Gynäkologen und dem Mammographie-Screening eine ergänzende Diagnoseform in der Brustkrebsfrüherkennung. In Deutschland erhalten nach Zahlen des Robert Koch-Instituts 70.000 Frauen jährlich die Diagnose Brustkrebs – für 18.000 von ihnen endet die Erkrankung tödlich.

Mai wohnt mit ihrem Mann und zwei Hunden in Moers, am westlichen Rand des Ruhrgebiets. Eigentlich wollte die studierte Kindheitspädagogin und ausgebildete Hundephysiotherapeutin in ihren Berufen arbeiten – ein Job fand sich bis heute nicht. Seit zwei Jahren arbeitet sie jetzt als MTU bei zwei Frauenärztinnen in Moers und Duisburg-Huckingen. Und Mai übt ihren Beruf nicht aus, obwohl sie blind ist, sondern weil sie blind ist.

Studie: Tastsinn ist bei Blinden präziser

Den Job der MTU können nur blinde oder stark sehbehinderte Menschen ausüben, weil sich das Gehirn bei diesen Menschen umstrukturiert. Andere Sinne werden bei ihnen stärker aktiviert. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass infolge des Erblindens andere Sinne empfindlicher werden. Der Tastsinn, das Gehör und der Riechsinn werden etwa laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum präziser. Damit könnten blinde Menschen sich genau orientieren, trotz fehlender visueller Informationen. „Gut tasten und hören zu können – das sind für blinde Menschen überlebenswichtige Eigenschaften”, erzählt Mai.

MTUs tasten die Brüste in Sitzungen, die 45 bis 60 Minuten dauern, auf der Suche nach Gewebeveränderungen ab. Dabei sind die blinden oder sehbehinderten Frauen in der Lage Veränderungen in der Gewebestruktur ab fünf Millimeter zu erspüren. Probleme mit den Gynäkologen, denen die MTU zuarbeiten, gibt es selten – im Gegenteil: Meist ergänzen sich Arzt und MTU. „Ich erfahre eine absolute Wertschätzung meiner Arbeit und meiner Person – ich arbeite sehr gern mit meinen Ärztinnen zusammen”, sagt MTU Jennifer Mai.

Ausbildung dauert neun bis zehn Monate

Im Mittelpunkt der Ausbildung steht die Taktile Tastuntersuchung. Darüber hinaus wird das Wissen zum Aufbau, zur Funktion und zu Erkrankungen der weiblichen Brust vermittelt. Weitere wichtige Inhalte sind medizinisches Basiswissen und Patientinnen zentrierte Kommunikation. Da die Medizinisch-Taktile Untersucherin im Praxisalltag eigenständig Anamnesen erhebt und Befunde dokumentiert, gehören zu den Lernstoffen auch das „Medizinische Schreiben” und die Fachterminologie. An die theoretischen Unterrichtseinheiten schließt sich ein dreimonatiges Praktikum in einer Frauenarztpraxis an.

Auch wenn die MTU Anamnesen - also die Erfragung von potenziell medizinisch relevanten Informationen – eigenständig erheben, wird die Diagnose immer vom verantwortlichen Arzt gestellt, denn MTU ist ein medizinischer Assistenzberuf – ein schöner und sinnvoller zugleich.

  • Die MTU und die Frauenärztin bilden mit der Patientin ein Team
  • Die MTU legt einer Patientin zwei schwarzweißrote Taststreifen an, die längs über die Brust beziehungsweise an der Seite der linken Brust verlaufen.
    Die MTU legt einer Patientin zwei Taststreifen an.
  • Das Bild zeigt den nackten Busen einer Frau. Auf und unter der Brust liegen zwei rotweißschwarze Maßbändern. Zwei schlanke Frauenhände tasten entlang des oberen Maßbands vorsichtig die Brust ab.Zwei Frauenhände
    Anhand eines Taststreifens bewegt die MTU ihre Hände über die Brust der Patientin.