
Können Beschäftigte mit Behinderung ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben, gilt es, Alternativen zu entwickeln. Ein vom Inklusions- oder Integrationsamt gefördertes Jobcoaching kann diesen Prozess professionell begleiten – wie im Johanniter-Haus Weschnitztal. Hier hat eine mutige Entscheidung Großes bewegt.
Hochmotiviert schiebt Elke Vetter den Servierwagen durch den Wohnbereich im Johanniter-Haus Weschnitztal. Sie tauscht Wasserkaraffen, stellt Frühstückstabletts und Kaffeekannen auf die Tische, plaudert mit den Senioren im Speisesaal, ermuntert diese zum Essen und Trinken. Die 32 Bewohnerinnen und Bewohner freuen sich über das Plus an Zuwendung durch die engagierte Mitarbeiterin, während den Fachkräften im Team mehr Zeit für Pflegeaufgaben bleibt.

© Rupert Oberhäuser
Kaum vorstellbar, dass Elke Vetter vor einiger Zeit große Zweifel an ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit hegte. Ihrem Verantwortungsbereich als Reinigungskraft fühlte sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr gewachsen. Als Ergänzungskraft im Service des Wohnbereichs hat sie nun ein Aufgabenfeld gefunden, in das sie sich mit Tatkraft und Spaß einbringen kann. Ermöglicht hat diese Wendung ein Jobcoaching am Arbeitsplatz, gefördert vom LWV Hessen Integrationsamt in Darmstadt, in dessen Zuständigkeitsbereich das Johanniter-Haus in Rimbach fällt. Die entscheidende Anregung kam vom Integrationsfachdienst (IFD), der Elke Vetter schon mehrere Jahre begleitet hatte. Die zuständige IFD-Beraterin setzte sich auf allen Seiten dafür ein, dass Elke Vetter diese Chance bekam. Sie traf bei Sabrina Czink, Sachbearbeiterin beim LWV Hessen Integrationsamt, und Einrichtungsleiterin Claudia Hafner mit dem Vorschlag auf offene Ohren. „Wir hatten schon alles ausprobiert, aber es war klar, dass Frau Vetter mit ihrer Aufgabe nicht mehr zurechtkam“, sagt diese. „Die Möglichkeit des Jobcoachings war mir bis dahin noch gar nicht bekannt.“

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Es folgten erste Gespräche mit allen Beteiligten, denn das ist Sabrina Czink wichtig zu betonen: „Wir reden nicht über die Menschen, sondern mit ihnen“, erklärt sie das Vorgehen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Sachbearbeiter und Jobcoach – gemeinsam finden sie eine Lösung, so das Prinzip. Daher ging es auch im konkreten Fall zunächst darum, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, erläutert Diplom-Psychologin Nicole Bolitsch, die als erfahrene Jobcoachin mit der Aufgabe betraut wurde. „Gemeinsam schaut man zuerst: Was läuft gut, wo liegen die Schwierigkeiten, welche Chancen für eine Veränderung gibt es?“ Bevor Ziele und Maßnahmen festgelegt werden, finden in der Regel nach den gemeinsamen Treffen Einzelgespräche statt, schließlich muss die begleitete Person Vertrauen zum Jobcoach gewinnen und ebenso wie der Arbeitgeber mit der Maßnahme einverstanden sein.
Etwa 250 Jobcoachings werden hessenweit im Jahr gefördert, sie können je nach Einzelfall von sechs Monaten bis zu einem Jahr oder länger laufen, berichtet Sabrina Czink. Für das Johanniter-Haus bewilligte das LWV Hessen Integrationsamt inklusive anschließender Erweiterungen 70 Stunden, und fortan begleitete Nicole Bolitsch Elke Vetter zweimal die Woche an ihrem Arbeitsplatz in der Hausreinigung. Sie machte sich ein Bild von den Gegebenheiten, schaute zu, packte mit an, stellte Fragen, entwickelte Lösungsvorschläge und führte Trainingseinheiten zum Ausbau der Fähigkeiten durch.

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Dabei traf sie auf eine verfahrene Situation: Schon vor gut 30 Jahren war Elke Vetter als gelernte Hauswirtschaftshelferin (heute: Fachpraktiker Hauswirtschaft) ins Johanniter-Haus gekommen. Doch gesundheitliche Problematiken, unter anderem Diabetes, und steigende Hygiene- und Qualitätsansprüche an Pflegeeinrichtungen erschwerten es ihr im Laufe der Jahre, die Anforderungen an Reinigungskräfte zu erfüllen. Nicole Bolitsch wurde schnell klar: Der empfundene Stress aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen und der gewachsenen Anforderungen wirkten sich negativ auf die körperliche und seelische Befindlichkeit der Arbeitnehmerin aus.
„Ich habe mich immer gefreut, wenn Frau Bolitsch gekommen ist“, erzählt Elke Vetter heute. Doch die beiden kamen nicht weiter mit der Anpassung von Arbeitsschritten und -struktur, erinnert sich Nicole Bolitsch und sagt: „Nach ein paar Monaten sah ich kein Potenzial und keine Ressourcen mehr zur Erreichung des festgelegten Ziels, sondern nur noch eine Möglichkeit: Jobcarving.“ Das bedeutet, statt den bestehenden Arbeitsplatz umzustrukturieren und anzupassen, ein neues Aufgabenfeld im Betrieb zu finden, das besser zu den Fähigkeiten der Mitarbeiterin, aber gleichermaßen zu den Bedürfnissen der Organisation passt.
Auch in Präventionsgesprächen schlagen wir Arbeitgebern manchmal vor, ein Jobcoaching zu testen.
Sabrina Czink ist Sachbearbeiterin beim LWV Hessen Integrationsamt
Ein Vorschlag, auf den Arbeitgeber und Vorgesetzte in der Regel nicht von selbst kommen, und hier liegt ein großer Vorteil in der Erfahrung von Jobcoaches, wie Sabrina Czink erklärt: „Als neutrale Personen bringen sie einen frischen Blick von außen mit und decken oft Strukturen auf, die im Unternehmen nicht mehr gesehen werden.“ Die Sachbearbeiterin weiß, dass Vorgesetzte zwar meist alles versuchen, um den Mitarbeitern mit Behinderung gerecht zu werden. „Aber sie kommen schließlich aus anderen Berufen und sind oft nicht qualifiziert dafür, viele sind regelrecht niedergeschlagen und fühlen sich alleingelassen.“ Jobcoaches hingegen haben größere Gestaltungsmöglichkeiten und können flexibel agieren. Hinzu komme tiefgehende Praxiserfahrung, so Sabrina Czink, deren Amt für Hessen einen Pool von 45 freiberuflichen oder angestellten Jobcoaches hat. In der Regel haben Jobcoaches neben Vorerfahrungen ein abgeschlossenes sozial- oder therapiewissenschaftliches Studium oder eine Ausbildung in einem entsprechenden Fachgebiet. Für neue Jobcoaches gilt seit Kurzem eine verpflichtende berufsbegleitende Weiterbildung zum Jobcoach am Arbeitsplatz.
Elke Vetter machte sich die Entscheidung für ein neues Arbeitsumfeld nicht leicht, hatte zunächst Bedenken wegen der unbekannten Situation, die auf sie zukommen würde. „Dass sie sich dann für das Jobcarving entschieden hat, rechne ich ihr hoch an“, so die Jobcoachin Nicole Bolitsch. „Frau Vetter war tapfer und hat Zuversicht bewiesen.“ Gemeinsam begaben sich alle Beteiligten auf die Suche, nach einem passenden Aufgabenfeld für Elke Vetter. Und sie fanden es im Team von Sonja Samen, die den Wohnbereich 2 leitet. Hier kann sie ihre Stärken – Hilfsbereitschaft, Kontaktfreude, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit – einbringen. Dass alle – neben Elke Vetter auch die Einrichtungs- und Pflegedienstleitung – den Mut hatten, neue Wege einzuschlagen, bezeichnet Sabrina Czink vom LWV Hessen Integrationsamt als starke Teamleistung. „Ich habe mich auch persönlich sehr gefreut mitzuverfolgen, wie die Mitarbeiterin im Vergleich zum ersten Gespräch aufgeblüht ist und wie zufrieden sie jetzt ist.“

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Elke Vetters abwechslungsreicher Arbeitstag beginnt nun morgens um kurz nach acht, wenn sie mit ihrer Teamkollegin die anliegenden Aufgaben bespricht. Anschließend gibt es vier Stunden lang viel für sie zu tun. Über das Servieren und Anrichten hinaus wischt sie in den Zimmern auch mal über die Nachtschränkchen und unterstützt die Bewohnerinnen und Bewohner beim Einnehmen der Mahlzeiten. Sie ist aber auch da, wo ein offenes Ohr gebraucht wird und ein bisschen Zuspruch das Miteinander fröhlicher macht.
Die Einarbeitung brauchte ihre Zeit, aber Ruhe und Geduld aufseiten der Stationsleitung und Elke Vetters ausgeprägtes Bedürfnis, Menschen etwas Gutes zu tun, haben sich ergänzt und zum Erfolg geführt. Von den Bewohnern wird sie sogar vermisst, wenn sie einen Tag nicht da ist. „Deshalb sage ich mittags überall tschüss, bevor ich gehe“, erzählt die engagierte Mitarbeiterin, die sich über die Verbesserung ihrer gesundheitlichen Situation und den Sinn, den sie in ihrer neuen Aufgabe findet, ganz besonders freut.
„Die Elke geben wir nicht mehr her“, sagen sie im Wohnbereich 2. Für Sabrina Czink der Beweis, dass sich die Kooperation zwischen Integrationsamt, Arbeitgeber, Kollegen und Jobcoach gelohnt hat: „Hier haben alle vor Ort großen Einsatz gezeigt und Mut bewiesen. So gelingt Inklusion.“
Sind alle Leistungsvoraussetzungen erfüllt, kann der betroffene Arbeitnehmer mit Schwerbehinderung einen Antrag auf Jobcoaching beim Inklusions- oder Integrationsamt stellen. Bei Bedarf können Integrationsfachdienste (IFD) oder Arbeitgeber bei der Antragstellung unterstützen.
Die Fallsteuerung übernimmt das Inklusions- oder Integrationsamt oder eine beauftragte dritte Person. Dazu gehören unter anderem die Prüfung und Bewilligung der Anträge, die Klärung, ob das Jobcoaching als Förderungsinstrument geeignet ist, und die Empfehlung eines Jobcoaches.
Das Jobcoaching am Arbeitsplatz unterteilt sich in vier Phasen: Aufklärungs- und Planungsphase, Selbstintegrationsphase, Interventions- und Gestaltungsphase, Stabilisierung und Abschluss
Förderungsmöglichkeiten, gesetzliche Regelungen, Leistungen: Alle wichtigen Informationen zum Jobcoaching am Arbeitsplatz erhalten Sie auf einer speziellen Themenseite der BIH.