
Arbeit:inklusiv! sprach mit der Schwerbehindertenvertretung (SBV), Susanne Hennen, der Entsorgungsbetriebe Wiesbaden, über ihre Arbeit, die Herausforderungen der Inklusion in einem körperlich anspruchsvollen Sektor und ihre Ideen für eine bessere Unterstützung von Menschen mit Schwerbehinderung am Arbeitsplatz.
Frau Hennen, Sie sind seit November 2022 als freigestellte Schwerbehindertenvertretung in den Entsorgungsbetrieben Wiesbaden tätig. Können Sie uns einen kurzen Überblick über Ihre Aufgaben und Tätigkeiten geben?
Susanne Hennen: Sehr gerne! Seit 1998 bin ich schon im Unternehmen, mit einigen Unterbrechungen. Meine Rolle als SBV umfasst vor allem die Vertretung der Interessen von Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung. Ich setze mich dafür ein, Barrieren im Arbeitsumfeld abzubauen und sichere Lösungen für individuelle Bedürfnisse zu finden. Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem Beratungsgespräche, Arbeitsplatzbegehungen, die Begleitung von Maßnahmen zur Arbeitsplatzgestaltung sowie die enge Zusammenarbeit mit internen und externen Stellen wie dem LWV Integrationsamt Hessen und dem Integrationsfachdienst. Es ist mir wichtig, den Kolleginnen und Kollegen zuzuhören und gemeinsam mit den Arbeitgebern Lösungen zu erarbeiten, die nachhaltig und praktikabel sind.

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Wie viele Mitarbeitende mit Schwerbehinderung arbeiten bei Ihnen und wie hoch ist deren Anteil im Unternehmen?
Wir haben etwa 100 bis 120 Mitarbeitende mit Schwerbehinderung, was etwa 13 Prozent unseres gesamten Teams ausmacht. Das ist ein relativ hoher Anteil. Das liegt auch daran, dass wir ein Entsorgungsunternehmen sind, in dem körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten wie Müllabfuhr und Straßenreinigung erledigt werden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass gerade in solchen Bereichen Menschen unter körperlichen Belastungen arbeiten, die später zu einer Schwerbehinderung führen können. Das ist leider eine häufige Realität in der Branche.
Was hat Sie motiviert, Schwerbehindertenvertretung zu werden?
Schon immer hatte ich ein großes Interesse an der Arbeit mit Menschen, besonders denen, die mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Hier im Unternehmen gibt es viele Kolleginnen und Kollegen, die gesundheitliche Einschränkungen haben und Unterstützung brauchen. Die Möglichkeit, für diese Menschen einzutreten und zu kämpfen, hat mich sehr motiviert. Ich wollte eine Ansprechpartnerin sein, an die sich die Kolleginnen und Kollegen mit ihren Anliegen vertrauensvoll wenden können. Es ist schön zu sehen, dass meine Arbeit auch dem Unternehmen zugutekommt, da wir gemeinsam Lösungen finden, die nicht nur den Mitarbeitenden mit Behinderung helfen, sondern auch den Arbeitgeber in vielerlei Hinsicht unterstützen.
Sie sind ja nicht direkt neu in der SBV, sondern waren vorher als Stellvertreterin tätig. Wie haben Sie sich auf die Aufgabe vorbereitet?
Das war in der Tat ein längerer Prozess. Als Stellvertreterin war ich zwar Teil der SBV, aber in meiner Funktion war ich nicht wirklich aktiv, da ich in der vierten Reihe der Stellvertreter stand. Als ich die Verantwortung als freigestellte SBV übernommen habe, habe ich vor allem viel Unterstützung von externen Stellen bekommen, insbesondere von Frau Freitag vom Integrationsfachdienst. Sie war mir eine wertvolle Hilfe bei den ersten Schritten und Anträgen. Darüber hinaus besuche ich Seminare und Weiterbildungen (siehe Infokasten), die mir helfen, in meiner Arbeit immer besser zu werden.
Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit anderen Stellen aus? Haben Sie regelmäßigen Austausch mit anderen Schwerbehindertenvertretungen?
Die Zusammenarbeit ist vielfältig. Innerhalb des Unternehmens arbeite ich eng mit der Personalabteilung, dem Personalrat und dem Arbeits- und Gesundheitsschutz zusammen. Besonders wichtig sind auch die regelmäßigen Arbeitsplatzbegehungen, bei denen wir gemeinsam mit Führungskräften und Sicherheitsbeauftragten die Arbeitsplätze auf Barrierefreiheit prüfen. Zusätzlich stehe ich im Austausch mit externen Stellen wie dem LWV Integrationsamt und dem Integrationsfachdienst, die uns unterstützen und beraten, wenn es um finanzielle Hilfen oder technische Anpassungen geht. Ich tausche mich auch regelmäßig mit anderen Vertrauenspersonen aus, was für mich sehr wertvoll ist. Der Austausch hilft, Lösungen und Ideen aus anderen Unternehmen zu übernehmen, die für uns von Nutzen sein könnten.
Wie hat Ihnen das ZB Magazin bei Ihrer Arbeit geholfen?
Ich habe das bisherige ZB Magazin hin und wieder gelesen, vor allem wenn ich nach neuen Ideen oder Informationen zu rechtlichen Aspekten suche. Es ist eine gute Quelle, um sich über aktuelle Entwicklungen und Urteile zu informieren, die für meine Arbeit wichtig sein können. Oft geht es darum, Anregungen zu bekommen, wie man Arbeitsplätze besser gestalten kann. Zwar sind die vorgestellten Fallbeispiele nicht immer direkt auf unsere Branche übertragbar, aber es hilft, andere Perspektiven zu sehen und neue Ansätze zu finden.
Die ZB hat jetzt einen umfangreichen Relaunch durchlaufen. Gibt es etwas, das Ihrer Meinung nach im neuen Magazin verbessert werden könnte, oder wünschen Sie sich zusätzliche Inhalte?
Ein Wunsch von mir wäre es, noch mehr praxisnahe Beispiele aus der Arbeitswelt zu sehen. Gerade in einem speziellen Sektor wie der Entsorgungsbranche gibt es viele Herausforderungen, die nicht immer in allgemeinen Artikeln behandelt werden. Wenn das Magazin vermehrt auf solche spezifischen Arbeitsbereiche eingehen würde, könnte es uns noch gezielter unterstützen. Ich denke da zum Beispiel an technische Hilfsmittel oder innovative Lösungen für körperlich schwere Arbeiten. Vielleicht könnte man auch mehr über neue Technologien berichten, die den Alltag von Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz erleichtern, wie etwa unser neues Gerät, den Cupomatic 180 (Anm. d. R.: ein elektrisch betriebener Straßenkarren mit Selbstfahrsystem und einem sogenannten Follow-Me-System. So kann der Cupomatic den Straßenreiniger während der Reinigungsarbeiten erkennen und automatisch verfolgen), der die Müllabfuhr erleichtern soll.
Das klingt wirklich spannend. Wenn man an Ihre Tätigkeit als SBV denkt, was würden Sie sich persönlich für die Zukunft wünschen?
Ich wünsche mir vor allem mehr Unterstützung innerhalb des Unternehmens. Momentan bin ich als SBV eine Art Einzelkämpferin, was manchmal ziemlich herausfordernd ist. Wir haben zwar einen Inklusionsbeauftragten, der allerdings nur einen Teil seiner Arbeitszeit für dieses Thema aufwenden kann. Für eine wirklich nachhaltige Inklusion wäre es wichtig, ein Team zu bilden, das sich regelmäßig austauscht und die Aufgaben gemeinsam trägt. Gerade bei der steigenden Zahl an Mitarbeitenden, die mit dem kommenden Zusammenschluss des Grünflächenamts dazukommen werden, wird es noch wichtiger, dass wir die Aufgaben besser verteilen können. Es gibt viele gute Ansätze, die wir bereits umgesetzt haben, aber ich bin sicher, dass wir noch mehr erreichen könnten, wenn wir die Kräfte bündeln.
Das klingt nach einem wichtigen Ziel. Wir hoffen, dass Sie weiterhin erfolgreich in Ihrer Rolle arbeiten können und dass Ihre Wünsche für eine stärkere Unterstützung im Unternehmen umgesetzt werden.
Vielen Dank! Es war mir eine Freude, über meine Arbeit zu sprechen. Ich hoffe, dass wir als SBV auch in Zukunft noch viel bewirken können.
Die Inklusions- und Integrationsämter bieten ein modulares Kursprogramm an. Ein Grundkurs führt in die praktische Arbeit der Schwerbehindertenvertretung ein. Sind die ersten Praxiserfahrungen gesammelt, erweitert ein Aufbaukurs den vorhandenen Kenntnisstand und vermittelt Sicherheit, um die Aufgaben optimal ausüben zu können. Ergänzend veranstalten die Inklusions- und Integrationsämter ein- und mehrtägige Seminare und Informationsveranstaltungen zu bestimmten Schwerpunkten. So hat Susanne Hennen zuletzt den Zertifikatslehrgang „Teilhabe-Experte“ des LWV Integrationsamt Hessen absolviert.