
Die Arbeit in einem Eisenwerk ist gesundheitlich herausfordernd. Umso wichtiger ist ein Betriebliches Eingliederungsmanagement, wie es im Eisenwerk Brühl vorbildlich umgesetzt ist. Arbeit:inklusiv! sprach mit den Mitarbeitern, der BEM-Beauftragten und der Schwerbehindertenvertretung, die vom LVR-Inklusionsamt tatkräftig unterstützt werden.
Es geht geschäftig zu an der Waage des Eisenwerks Brühl. Die Laster rollen ein und aus, und alle kommen sie an Asaf Öztürk und Frank Esser vorbei. Wenn die Fahrer ihre Lkw auf die Waage gefahren haben, müssen sie die 19 Stufen zum Büro der beiden hinaufsteigen und die Frachtpapiere aushändigen. Esser und Öztürk arbeiten erst seit einem halben Jahr zusammen, doch sie verstehen sich gut. Öztürk wurde aufgrund einer Schwerbehinderung Anfang 2020 an die neue Stelle an der Waage versetzt.

© Rupert Oberhäuser
Frank Esser erlebte ähnliches, allerdings vor 15 Jahren. Damals verlor er durch einen Wegeunfall einen Großteil seiner Sehkraft und wurde an die neue Stelle versetzt, da die Arbeit dort auch mit Hilfsmitteln wie einer Lupe gut funktioniert. Seine Erfahrung und Empathie zahlen sich aus. Er lernte Asaf Öztürk ein – und die beiden freundeten sich an. „Ein echtes Dreamteam“, sagt die BEM-Beauftragte des Eisenwerks, Monika Kern. Ein gutes und durchdachtes betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) hat die beiden zusammengebracht – und darauf ist Monika Kern stolz.

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Kern ist seit 2018 BEM-Beauftragte des Eisenwerkes. Sie hatte damals selbst den Vorschlag gemacht, das Thema hauptberuflich zu betreuen. Seitdem hat sie durch viele kleine und große Veränderungen einiges erreichen können. Die wichtigste Errungenschaft ist wahrscheinlich die BEM-Betriebsvereinbarung, die das Eisenwerk verabschiedet hat. Damit ist der BEM-Prozess geordnet und systematisiert und Mitarbeiter, Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung haben eine Handhabe, wenn es um Mitarbeiter mit einer Schwerbehinderung oder länger erkrankte Beschäftigte geht. Gleichermaßen wichtig ist das Arbeitsplatzkataster, das das Eisenwerk angelegt hat. Dort sind alle Arbeitsplätze im Eisenwerk mit ihren Anforderungen verzeichnet. So ist ein behinderungs-, krankheits- oder altersbedingter Wechsel viel leichter möglich, da nicht mehr alle Informationen zum Arbeitsplatz erst eingeholt werden müssen, sondern bereits vorliegen. Kerns Verdienst ist auch das kleine, aber funktionale BEM-Team. Es besteht aus Kern selbst als Vertreterin des Arbeitsgebers, einem Betriebsarzt, einem Betriebsrat und dem Schwerbehindertenvertreter.

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Frank Hofer hat mit 17 Jahren begonnen, im Eisenwerk Brühl zu arbeiten, „und nun gehe ich stramm auf die 60 zu!“, lacht er. Das Eisenwerk Brühl hat insgesamt um die 1.600 Mitarbeiter, davon über 150 Beschäftigte mit Schwerbehinderung oder ihnen Gleichgestellte. Anlass für BEMs gibt es häufiger, denn die Arbeit ist körperlich herausfordernd und der Altersdurchschnitt mit 46 Jahren recht hoch. Kommt es zu einem BEM-Verfahren, dann muss das BEM-Team den betroffenen Mitarbeiter ins Boot holen. Denn das ist ganz wichtig am BEM: Ohne den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin geht es nicht. Beschäftigte müssen dem Prozess zustimmen und können auch jederzeit abbrechen. Teilweise, wenn es beispielsweise um Suchterkrankungen geht, kann es in der BEM-Runde auch schon mal sehr emotional werden. Meistens geht es aber sachlich und zielorientiert zu. Die Teammitglieder tauschen sich aus zu Beschwerden und Einschränkungen des betroffenen Mitarbeiters und überlegen sich Lösungen. Das können neue Arbeitsmittel sein, die Erleichterung verschaffen, zum Beispiel eine Stehhilfe bei Menschen mit Arthrose. Das kann eine verkürzte Arbeitszeit sein, wenn ein depressiver Mitarbeiter sich nicht mehr so gut konzentrieren kann. Das können aber auch Arbeitsplatzwechsel sein. So wie bei Asaf Öztürk und Frank Esser.

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Esser macht seinen Job gerne, das merkt man ihm an - seit er den neuen Kollegen Öztürk an der Seite hat, sogar noch ein bisschen lieber. Er kann seine Sehbehinderung durch seine elektronische Lupe gut ausgleichen. Wenn es einmal zu Schwierigkeiten kommt, greift ihm sein Kollege Öztürk unter die Arme. Esser wiederrum punktet mit 15 Jahren Arbeitserfahrung an der Waage. Die beiden haben unterschiedliche Schwerbehinderungen und sind auch auf unterschiedlichen Wegen zu ihren neuen Stellen gekommen. Esser noch „oldschool“ ohne BEM, Öztürk 2020 mit dem BEM-Prozess. Die Vorteile des neuen, systematischen Vorgehens haben sich bei letzterem gezeigt. Da zunächst nicht klar war, ob die Stelle an der Waage für Öztürk passen würde, hat eine sogenannte Arbeitserprobung stattgefunden. Die Kosten für den Lohn während dieser halbjährigen Probezeit liefen über eine spezielle BEM-Kostenstelle. Dadurch soll die Arbeitserprobung auch für die aufnehmenden Abteilungen interessant und attraktiv gemacht werden. Und das funktioniert.
Wenn BEM funktioniert, dann profitieren alle. Das neue BEM ist im Eisenwerk Brühl insgesamt sehr gut angenommen worden. Im Sommer 2020 gab es dafür sogar eine Auszeichnung. Das LVR-Inklusionsamt vergab eine mit 10.000 Euro dotierte BEM-Prämie an das Brühler Eisenwerk. Die Zusammenarbeit mit dem Inklusionsamt und dem Integrationsfachdienst funktioniert gut. Monika Kern fühlt sich gut unterstützt. Über die Prämie freut sie sich besonders. Die wichtigste Wertschätzung ihrer Arbeit kommt aber von den Mitarbeitern selbst. Wenn diese zufrieden sind, ist es Monika Kern auch.
1. Was ist eigentlich BEM?
BEM ist ein Instrument, das meistens von der Personalabteilung durchgeführt wird. Es wird angewendet, wenn Beschäftigte innerhalb von zwölf Monaten länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind.
2.Und wie funktioniert das?
Es gibt keine verbindliche Vorgehensweise. Deshalb muss BEM immer auf den Betrieb abgestimmt entwickelt werden. Die Vorgehensweise sollte allen Beschäftigten transparent vermittelt werden.
3. Wer muss BEM mitmachen?
Arbeitgeber sind grundsätzlich verpflichtet, länger erkrankten Mitarbeitern ein BEM anzubieten. Das BEM kann aber nur mit der Zustimmung der Betroffenen selbst stattfinden.
4. Was funktioniert?
Denkbare Lösungen sind beispielsweise Reduzieren der Arbeitszeit, Umbau/Wechsel des Arbeitsplatzes oder Anschaffen von technischen Arbeitshilfen.
5. Wo finden Betriebe Unterstützung?
Das LVR-Inklusionsamt bietet Informationsmaterialien zum Download und zur Bestellung sowie Seminare zum Thema BEM an – letztere sogar Inhouse.